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Freistoß für Köln


Gäbe Günther Netzer neuerdings Prognosen über Kunstmessen ab, würde er jetzt wohl verkünden, dass Deutschland ab nächstem, spätestens übernächstem Jahr wieder einen Erstligisten hat. Zumindest ist die Art Cologne, die er zur gestrigen Eröffnung – neben Michael Ballack – besuchte, auf dem besten Weg dorthin. Sicher, es dürfte in Köln weitaus internationaler zugehen: Vor allem aus den USA sind mit der Team Gallery, Leo Koenig und elf weiteren Kollegen längst nicht alle Felder bestellt. Und klar, das Gefälle zwischen jungen Galerien mit teils unterirdischer Qualität und Blue-Chip-Repräsentanten wie Sprüth Magers oder Hauser & Wirth – letztere sind in diesem Jahr zum Stolz von Messeleiter Daniel Hug nach zehn Jahren wieder dabei – ist enorm. Doch insgesamt präsentiert sich die Art Cologne viel übersichtlicher und hinsichtlich der Teilnehmerliste weitaus interessanter als noch im letzten Jahr, geschweige denn in den vielen desolaten Jahren davor. Selbst der OPEN SPACE, Bereich für Galerien mit Einzelpräsentationen von ein bis zwei Künstlern, stellt sich diesmal angenehm klar und nicht so verschachtelt wie 2010 dar.

Galerien wie Hauser & Wirth fühlen sich bestätigt: „Wir wollten mal wieder in Deutschland präsent sein. Der Markt ist gut hier, es gibt viele wichtige Institutionen – auch jenseits von Verkäufen ist eine Vermittlung hier für uns wichtig“ erklärt Florian Berktold, Direktor der Zürcher Galerie. Anknüpfend an Hugs Wunsch, die 1960er- und 1970er-Jahre als neue Klassische Moderne zu feiern – und damit die Historie des Rheinlands aufleben zu lassen – betont er: „Die Basis unserer Künstler liegt in den Sechzigern und Siebzigern, sie alle knüpfen an die Errungenschaften dieser Zeit an. Wir erkennen uns hier also wieder.“ Entsprechend sind am Stand eine imposante Installation von Paul McCarthy (1.800.000 Euro), drei Skulpturen (darunter Echo für 1.000.000 Euro) und eine Zeichnungswand von Louise Bourgeois sowie ein tiefdunkler Glasblock von Roni Horn (750.000 Euro) großzügig präsentiert. Zudem bespielt die Galerie auch den OPEN SPACE, mit einer raumgreifenden – bereits kurz nach Eröffnung verkauften – Installation von Phyllida Barlow, die den Kunstpreis der deutschen Kunstvereine erhalten hat.

Ähnlich elegant, doch preislich moderater präsentiert sich der Stand von Sprüth Magers, die sich auf ihre Kölner Künstler spezialisiert haben – unter anderem mit Collagen von Astrid Klein aus dem Jahr 1980 (je 18.000 Euro), einem großformatigen Bild von Andreas Schulze (36.000 Euro) und Flugzeugteilen von Michail Pirgelis (6.800 bis 7.500 Euro), während den ephemeren Skulpturen Thea Djordjazes (4.500 bis 9.800 Euro) Polaroids von Cyprien Gaillard aus der Serie „Fields of Rest“ zur Seite gehängt sind (je 4.500 Euro). Gegenüber hat Luis Campaña drei großartige Bilder von Dirk Skreber dabei, aus den Jahren 2001 bis 2006 (65.000 bis 120.000 Euro).

Ähnlich positiv ist man auch am typisch düster-abstrakt gestylten Stand von SEPTEMBER aus Berlin, wo Carsten Fock mit Gemälden (3.500 bis 9.000 Euro) und Bettina Allamoda mit einem trapezförmig gespannten Tuch und einer kegelförmigen Kissenskulptur (4.000 und 12.000 Euro) zu sehen sind – über mangelnde Anfragen konnte hier niemand klagen. Ähnlich mysteriös geriert sich der Stand von Ben Kaufmann, der Ende des Jahres seine Galerie schließen und den Künstlern bis dahin durch Messen noch zu verstärkter Präsenz verhelfen will: Matthias Dornfeld zeigt hier im schwarzen Kubus kratzige Malereien (2.400 und 20.000 Euro). Der Stand der jungen Frankfurter Galerie Parisa Kind präsentiert sich dagegen kleinteiliger – hier sind neben den beiden Hohlskulpturen der Städelschülerin Lena Henke (4.500 bis 5.000 Euro) viele Arbeiten auf Papier zu sehen, unter anderem Studienblätter von Jorinde Voigt (1.100 Euro).

Bei EIGEN + ART wird dagegen wie üblich geklotzt: Die weitläufig angekündigte Premiere von Neo Rauchs Bildhauerwerk wird hier im Wert von 600.000 Euro vor staunenden Publikumstrauben inszeniert.

Doch es gibt auch kritische Besucher. „In diesem Jahr sind extrem viele gute Kuratoren auf der Messe“, freut sich Linn Lühn, die demnächst nach mehreren Jahren Köln neue Räume in Düsseldorf eröffnen wird. Auch Ulrich Gebauer ist mit Sebastian Diaz-Morales‘ absurdem Video The Man with the Bag (22.000 Euro) und Zeichnungen (6.000 bis 7.000 Euro) positiv eingestellt. Zwar seien Verkäufe von Filmen immer schwierig, aber wichtig sei vor allem, ein gutes Publikum anzusprechen – was in Köln der Fall sei. „Wir finden, Daniel Hug arbeitet sehr hart für die Messe – sie macht einen guten Eindruck“, erteilt auch die Team Gallery ein Lob an den Organisator. Die New Yorker wollen eine größere Präsenz in Deutschland erzielen und treten mit einer Keramikskulptur von Gert und Uwe Tobias (27.000 Euro) auf.

Durch die Hintertür schleichen sich jedoch auch die Katastrophen in die Art Cologne ein. Diesmal nicht wie 2010 in Form einer Aschewolke, sondern gleichsam als Botschaft des in China verhafteten Ai Weiwei: Sein Assistent Zhao Zhao zeigt bei Alexander Ochs eine gebrochene Gold-Stahlskulptur. Mit beiden Künstlern wollte der Galerist zum Berliner Gallery Weekend eigentlich einen Talk ausrichten, den er jetzt absagen musste. Die Messe läuft allerdings gut – bereits zweieinhalb Stunden nach Eröffnung sind acht Arbeiten verkauft, darunter ein Bild von Yang Shaobin für 50.000 Euro und eines von Heribert C. Ottersbach für 11.000 Euro. „Seitdem Hug das macht, komme ich wieder – nach drei Jahren aussetzen“, erklärt Ochs.

Dass eine Kunstmesse auch Kampfzone einer ganz anderer Art sein kann, zeigt sich am Stand von Tomio Koyama aus Tokio/Kyoto. Der Künstler Daisuke Fukunaga erklärt, warum man sich trotz des Unglücks in Japan entschieden habe, nach Köln zu kommen: „Unsere Teilnahme stand fest, wir wollten die Messe keinesfalls absagen. Momentan werden in Japan viele Kulturprojekte gecancelt, was nicht gut ist.“ Es gebe dort gerade zwei künstlerische Stimmungstypen: Die Gelähmten, die nicht arbeiten können und die, die jetzt erst recht weitermachen und die Katastrophe als Chance nutzen, um über das Land und seine Geschichte nachzudenken. „Wir in Tokio haben zu Fukushima eine große gefühlte Distanz. Wir sind am Leben, unsere Häuser sind heil geblieben, unser Alltag ist praktisch nicht betroffen. Es herrscht zwar eine gewisse Angst, aber es bleibt immer die Anstrengung, weiter zu machen. Hätten wir die Angst verinnerlicht und würden wir aus der Stadt fliehen, wäre es mit Tokio zu Ende. Also reißen wir uns zusammen.“ Wie gut das gelingen kann, zeigt die Tatsache, dass der Galerist unterdessen ins Gespräch mit einem japanischen Sammler vertieft ist.

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